Zur Buchvernissage 2005
Meine Damen und Herren,
es ist ein Band von fast schon provokanter Schmalheit, der heute ans Licht der Oeffentlichkeit tritt, und provokant ist in unserer lauten Gegenwart ja auch der Titel „Verleisbarungen“. Offensichtlich muss man sich konzentrieren und die Ohren spitzen, wenn man etwas davon haben will. Denn es gilt auch hier, je knapper ein Text, umso anspruchsvoller seine Lektüre. Je weniger Worte, umso gewichtiger und bedenkenswerter jedes einzelne.
Eine Orientierung, wie man diese Verleisbarungen lesen soll, gibt die literarische Gattungstradition, in die sich das Bändchen stellt, mit dem Untertitel „Aphorismen“. Auf dieser Spur will ich mich ihm zu nähern suchen.
Aphorismus, Aphorismos ‚ist griechisch, und heisst wörtlich das Abgegrenzte, Begrenzte, Unterschiedene. Es steckt darin dasselbe Wort horizein wie in Horizont, was ja Grenzlinie bedeutet. Die einschlägigen Lexika belehren uns, dass „Aphorismoi“ für kurze Lehrsätze zum ersten Mal um 400 v. Christus belegt ist, für eine Sammlung Hippokratischer Lehrsätze, also medizinischer Regeln. Dieser Ursprung, scheint mir, ist der Gattung Aphorismus bis heute anzumerken. Es sind nicht einfach Kurz- oder Kürzesttexte, sondern es steckt in ihnen eine
Absicht, die auf die Leser und Leserinnen zielt, die nämlich, heilsam zu wirken, überhaupt beim Lesen etwas zu bewirken, indem sie uns einen kleinen Stich, dem Impfstich vergleichbar, versetzen. Solche Aphorismen, kann man sagen, sind eine Art literarischer Akupunktur.
Es ist nun freilich nicht so, dass es seit den Hippokratischen Lehrsätzen eine ununterbrochene Gattungstradition des Aphorismus gäbe. Es braucht immer bestimmte geistige und literarische Voraussetzungen, damit der Aphorismus zum Zuge kommt. Das lässt sich am modernen Ahnherrn des deutschen Aphorismus zeigen, an den mich Beat Rinks „Verleisbarungen“ gelegentlich erinnern – auf die Unterschiede komme ich dann schon auch noch – an Friedrich Nietzsche. Nietzsche hat als Schriftsteller mit längeren Abhandlungen v.a. den „Unzeitgemässen
Betrachtungen“ begonnen. Dann plötzlich, für Anhänger und Gegner gleichermassen überraschend, hat er zum Aphorismus als seiner bevorzugten literarische Form übergewechselt. Seiner ersten Aphorismensammlung gab den Titel „Menschliches-Allzumenschliches“. Auf diese folgten viele weitere. Später sagte er von sich, nicht eben bescheiden: „Der Aphorismus, die Sentenz, in denen ich als der erste unter Deutschen Meister bin, sind die Formen der „Ewigkeit“. Mein Ehrgeiz ist, in zehn Sätzen zu sagen, was jeder Andere in einem Buch sagt – was jeder andere in einem Buch – nicht sagt. „(Lexikon Nr. 66, Gätt Str 51) Der Aphorismus also als Konkurrent der langen, argumentierenden Abhandlung oder eines ganzen Buches. Oder, wie es in einer der „Verleisbarungen“ heisst: „Aphorismus. Ich habe meinen Roman gekürzt.“(S.40) oder, besonders witzig: „Stift für Aphoristiker. Nach zehn Wörtern geht ihm die Tinte „(S.41)
Dass der Aphorismus an die Stelle einer Abhandlung oder eines Romans treten kann, hat zur Voraussetzung, dass es, wie Nietzsches Beispiel zeigt, für einen Autor problematisch geworden ist, ein Ganzes darzustellen, sei es einen Problemkomplex systematisch zu entfalten oder ein Einzelschicksal in allen seinen Aspekten zu erzählen. Der Aphorsmus entstammt dem bewussten Verzicht, erkennen zu wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Seiner formalen Askese entspricht also eine geistige.
Wie aber kann das sein, dass ein knapper Aphorismus ein ganzes Buch ersetzt? Nur so, dass der Aphorismus aus mehr besteht als dem, was dasteht. Zum einen soll er mehrmals gelesen werden – Nietzsche spricht vom Wiederkäuen – ruminare – als der von ihm erwarteten Leseweise. Und dabei soll sich, könnte man sagen, sein Horizont erweitern zu einem breiten Wirklichkeitsfeld, das er in eine neue, möglichst überraschende Beleuchtung rückt.
Das lässt sich an einer besonders knappen „Verleisbarung“ zeigen, die in der sprachlichen Technik Nietzsche nahe steht „Bekränzt: Begrenzt“ (S. 23) Zwei Wörter, im Schriftbild kaum unterschieden, im Lautbild, wenn ein Basler sie ausspräche, überhaupt nicht. Der Gleichklang suggeriert eine inhaltliche Identität Wie wäre eine solche zu denken? Z.B. so. Bekränzt, von der Oeffentlichkeit aufs Podest gestellt zu werden, setzt voraus, dass man in einer begrenzten Sparte Spitze ist. Etwa in einer einzelnen Sportart. Oder heisst es gar: Wer ins Scheinwerferlicht des Ruhms und der Anerkennung gerät, der läuft Gefahr, dass sich für ihn die Welt nur noch auf seine Person und seine Leistung konzentriert und damit einengt? Also soll er aufpassen. Man kann sich auch noch viel anderes dazu denken. Auf diese Weise setzt sich im Kopf des Lesers, der Leserin, hier angestossen durch den Gleichklang zweier Wörter, ein ganzer Gedankenkomplex in Bewegung – wenn man geduldig genug ist. Aphorismen funktionieren, gerade weil sie so kurz sind, nur dann, wenn man viel Zeit für sie hat. Denn die Bücher, an deren Stelle der Aphorismus tritt, muss man sich beim Lesen selber ausdenken.
Die Richtung, in der sich das so angestossene Denken zu bewegen hat, bringt die folgende Gattungsbestimmung in den „Verleisbarung „auf eine treffende Formel: „Aphorismus. Selbstgeschnitzter Bumerang“. Das will sagen, das Denken, das durch den Aphorismus in Schwung gebracht wird, und das betrifft nicht nur den Autor, soll nicht auf andere zielen oder auf die Welt im ganzen, sondern sich auf uns selbst zurückwenden, d.h. auf Selbsterkenntnis zielen. Damit entgeht der Aphorismenschreiber, und auch seine Leserschaft, der Selbstgerechtigkeit, über andere statt über sich selbst zu richten.
Wie aber kommen Aphorismen zustande? Das müssten wir eigentlich Beat Rink selber fragen. Aber Antworten müssten sich auch aus seinen Ergebnissen, d.h. den Aphorismen selbst, gewinnen lassen. Meinem Eindruck nach lassen sich unter den „Verleisbarungen“ zwei grosse Kategorien unterscheiden.
Die eine Kategorie bilden solche Aphorismen, die sich aus einem Spiel mit gängigen Gedanken speisen. Z.B. „Beim Betrachten einer Schule;/ Unheimlich, wie schnell die Zukunft/ In die Vergangenheit hineinwächst“ Welch verwirrender Befund! Normalerweise sehen wir in der Jugend die Zukunft sich anbahnen, das Neue, was alles Bisherige zu überrunden sich anschickt. Schulen und Universitäten lassen sich deshalb als Retorten von Neuem verstehen. Und nun soll das Gegenteil wahr sein: Die Schule diene nicht der Vorbereitung der Zukunft, sondern belaste die heranwachsenden Zukünftigen mit lauter vergangenem, historischem
Wissensballast, traditionellen Werten, überkommenen Vorurteilen. Daraus ergibt sich nicht, dass man die Schulen abschaffen, wohl aber, dass man sich dieses Aspekts ihrer Wirkung bewusst sein soll.
Apropos Nietzsche: hier könnte man einen Nachklang seiner Zweiten „Unzeitgemässen Betrachtung“ heraushören „Vom Nutzen und Nachteil der Historie rur das Leben“. Aber nun eben zur aphoristischen Pointe verkürzt und zugespitzt. In diese Kategorie einer verknappten Beobachtung, die damit, dass sie formuliert ist, bewusst gemacht wird, gehört auch das folgende: „Nachbarn, die sich zu Hause nicht ausstehen können, winken sich in der Fremde freundschaftlich zu. „(S. 38) Ja, das trifft zu , stellen wir fest, und gleich hätten wir Belege dafür bei der Hand. Der Aphorismus aber stösst uns weiter zu fragen: Was steckt da dahinter? Warum ist es so? Bei längerem Insistieren landet man vielleicht bei den Wurzeln des Patriotismus, wenn nicht gar des Nationalismus.
Den Anstoss zur anderen Hauptkategorie von Beat Rinks Aphorismen kündigt schon der Titel „Verleisbarungen“ an. Er setzt nicht bei einer Einsicht oder einer Beobachtung an, sondern bei einem Wort, einer sprachlichen Formel, hier dem offiziellen Terminus „Verlautbarungen“. Damit beginnt der Autor zu spielen und ist gespannt, was dabei herauskommt. Und siehe da: plötzlich blitzt aus solchem Jonglieren eine unerwartete Einsicht auf oder eine neue Formulierung einer alten Einsicht Z. B. eben, dass es eine Art von Mitteilungen geben könnte, die „Verleisbarungen“ hiesse. Eine davon lautet resp. leiset: „Es gibt kein Stelldichein mit der Oeffentlichkeit./ Nur ein Stelldichaus. „(S. 15) Oder: „Standesbeamter. Trau schau wen!2(S. 30) Oder: „Er ist ein Lebewohlmann. Seine Art zu leben provoziert immerfort Abschiede. „(S. 14)
Ein Aphorismus, der mir gleich beim ersten Blättern hängen geblieben ist, weil er wunderbar eine Gefahr meiner Lebensphase signalisiert: „Je mehr Ego das Alter/ desto Jünger das alter Ego.“ (S. 18) Das ist eine Einsicht, gewonnen aus dem Schütteln der lateinischen Wortkombination alter ego, das andere Ich. Manchmal ergibt sich ein überraschender Sinn auch dadurch, dass mit feststehenden Wendungen gespielt wird: „Er ist ein Hansdampf in allen Sackgassen. „(S. 33) „Sie teilten meine Meinung / in gut verdauliche Stücke.“(S. 11) „Für seine Meinung endlich gerade stehen:/ in der Kolonne. „(S. 119)
Diese Technik, aus dem Spiel mit der Sprache, mit Wörtern, Wendungen, Bildern, Zitaten Sprichwörtern zu neuen Gedanken zu kommen, wuchert heute in der Werbung und im Journalismus. Gerade las ich im Bus eine Autoreklame: „Es ist alles Golf was glänzt.“ Aber das sind Gags, die sofort verpuffen. In Beat Rinks Aphorismen wird diese Technik nachhaltig, fast bin ich versucht zu sagen: nachhallig. (Aber ich will ihm ja keine Konkurrenz machen. ) Aus dem Spiel mit den Worten erwächst ein neuer Sinn, der meistens tiefer und erhellender ist als derjenige der eingeschliffenen Wendung, aus der er gewonnen ist.
Und das hat letztlich einen deutlich erkennbaren Grund. Im letzten Drittel der „Verleisbarungen“ finden sich mehr und mehr christliche Aphorismen. Das zeigen schon Ueberschriften wie „Wir Analphaheter“ oder „Das Steuer der Kirche: Die Kirchensteuer.“ Da ist dann zu lesen: „Ein guter Prediger: Lässt Bibelsprüche wieder / zu Bibelworten werden. „(S. 60) „Seine Theologie kreist um das Unsichtbare / Kein Wunder: seine Kirche ist leer.“ (S. 61) Aber diese kirchenkritischen Aphorismen markieren nur den Rand eines eigentlich bekenntnishaften, ja theologischen Zentrums. „Gott ist Outsider geworden. / Andere Götter geben sich mit Insidern ab.“(S. 54) „Kaum zu glauben / nur anzubeten“(S. 58) „Gefaltete Hände: / Kapitulation des Tatmenschen. „(S. 57) „Gibt er Dir etwas ein, /gibt Er dir etwas auf. „(S. 56) „In der Frage „Gott wo bist du ? / den Nachhall von „Adam, wo bist du ?“ hören.'(S. 48) Bei Stücken wie diesen kommt einem in den Sinn, dass der Aphorismus als literarische Gattung auch noch ganz andere Quellen hat, nämlich biblische. Im Alten Testament ist das Buch der Sprüche eine Art Aphorismensammlung, im Neuen Testament sind es die Seligpreisungen, und später haben die Losungsbüchlein einzelne Sprüche aus ihrem Zusammenhang genommen und verselbständigt. Dass Beat Rinks „Verieisbarungen“ auch an diese Tradition auf eine witzige, sach- und sprachspielerische Weise anknüpfen resp. in sie münden, ist nun freilich auf gegenteilige Weise unzeitgemäss als bei Nietzsche. Aber auch die so klar einbekannte christliche Gesinnung hört kaum einen Augenblick auf: spielerisch und verspielt zu sein. Man liest etwa: „Prinzipienreiter: Auf nach Damaskus.“(S.3l)
So münden die „Verleisbarungen“ in die Heiterkeit der Kinder Gottes. Ja, Gott selbst erscheint als Aphoristiker im dargelegten Sinne, wenn es von ihm heisst: „Wo Gott begrenzt,lwill er in die Weite führen.“(S. 56)
Diese Hinweise auf die christliche Grundierung von Beat Rinks Bändchen bringt mich auf eine letzte Eigenschaft des Aphorismus. Im Unterschied zu allen argumentierenden Textsorten, der wissenschaftlichen Abhandlung, dem Traktat, der Predigt will der Aphorismus nicht überzeugen, er befiehlt uns nicht, was wir zu tun haben, er stellt uns nicht vor die Entscheidung Ja oder Nein. Er begnügt sich damit, neue Gedanken in uns anzuregen, anheimzustellen, und überlässt es uns, was wir damit machen. Darin besteht die besondere Höflichkeit dieser Kurztexte, dass sie keine Verlaut- sondern eben „Verleisbarungen“ sind.
Tolle lege – nimm und lies!
Prof. Karl Pestalozzi